Weitere Märchen

Das Zitat „Gib jedem Tag die Chance der schönste Tag in deinem Leben zu werden“ von Mark Twain gehört zu meinen Lieblingszitaten.

Vor einiger Zeit wachte ich morgens auf und schrieb folgendes Märchen.


Gib jedem Tag eine Chance …

Neulich, ich lag noch in meinem Bett und wusste nicht genau – war ich schon wach oder schlief ich noch? Es war die Stunde zwischen Tag und Nacht.

Während ich noch überlegte, wo ich mich eigentlich befand, beobachtete ich den Tag dabei, wie er sich für mich ankleidete.

„Für mich?“ Ich erschauerte freudig. Der Tag machte sich für mich bereit?

Er stand vor einem riesigen Spiegel mit einem goldenen Rahmen und war wunderschön.

„Schade, dass du nicht so hinausgehen kannst, in deiner ganzen Pracht, mit all diesem Licht und den wunderschönen Farben“, hörte ich eine Stimme sagen.

„Wie soll sie dann eine Chance bekommen, die Schönheit dieses Tages zu erkennen?“, antwortete der Tag.

„Auch wenn ich mich ihr so zeige, wie ich bin, sie würde es nicht erkennen!“, fuhr er fort.

Die Stimme des Tages war warm und weich. Er gähnte genüsslich und streckte sich vor dem Spiegel.

„Gib mir den dunklen Umhang, der Regen bringt!“, sagte er lächelnd.

„Für wen machst du dich zurecht?“, fragte die andere Stimme. Es war eine Frauenstimme – hell, glockenklar und wunderschön.

„Für Anna-Lena. Weise Worte haben gestern ihr Herz berührt. Ich will prüfen, ob sie die Worte wirklich verstanden hat!“, sagte der Tag.

„Welche Worte?“, wollte die Stimme wissen.

„Gib jedem Tag die Chance, der schönste Tag in deinem Leben zu werden!“, antwortete der Tag.

„Und dann willst du den dunklen Mantel tragen?“ Die liebliche Stimme klang empört.

„Wenn die Sonne das Land in ihr sanftes Licht taucht, ist fast jeder Mensch bereit, den Tag freudig zu begrüßen. Komme ich jedoch mit Wolken und Regen, ist man leicht versucht, die eigene Verstimmtheit auf den Tag zu projizieren.“

„Du forderst Anna-Lena heraus?!“ Die helle Stimme klang überrascht, aber auch ein klein wenig amüsiert.

Der Tag schmunzelte. Inzwischen hatte er sich sein dunkles Cape umgelegt. Augenblicklich bekam das Licht um ihn herum einen Grauschleier. Lustige kleine Wolken flogen um ihn herum und zwinkerten ihm zu.

„Nicht herausfordern, meine Liebe! Mit ihr spielen! Schau, unter dem Mantel trage ich einen goldenen Schal. Immer, wenn trotz der Wolken ein Lächeln über ihre Lippen huscht, hole ich ihn heraus und die Sonne badet Anna-Lenas Welt für einen Moment in strahlendem Licht.“

Die Frauenstimme seufzte: „Anna-Lena ist noch nicht genesen. Du weißt, die Schleier der Depression hielten sie für lange Zeit gefangen!“

„Du irrst, meine Liebe! Sie war es, die sich diese Schleier selbst umgelegt hat, um sich eine Weile aus der hektischen Welt zurückziehen zu können“, antwortete der Tag nachdenklich. Langsam wandte er sich um und sah in die Richtung, aus der die Frauenstimme kam.

„Jetzt übertreibst du aber!“, schimpfte die Stimme, „Anna-Lena war überfordert. Und jetzt meinst du, sie mit Regenwolken erfreuen zu können?“

„Ja, mein Herz!“, lachte der Tag. „Wie das Dunkle in der Seele mit jedem Lächeln an Farbe gewinnt, so wird jedes Lächeln und jedes kleine bisschen Freude über den heutigen Tag ihr Herz weicher und empfänglicher machen. Niemand kann gleichzeitig lächeln und traurig sein. Ein Lächeln bringt Freude ins Herz und jedes noch so kleine Quäntchen Freude gibt mir die Chance, der schönste Tag in ihrem Leben zu werden.“

Der Tag strahlte, obwohl die Regentropfen auf seinem Gesicht aussahen wie kleine Tränen.

„Schau, was ich für sie vorbereitet habe!“, lachte er und zeigte auf einen Koffer.

„Oh, du nimmst den Koffer mit!“, freute sich die liebliche Stimme, „den Koffer mit den Wundern und Taggeheimnissen. Das wird ihr gefallen!“

Die Stimme klang wie eine liebliche Melodie, fast wie ein Lied, so himmlisch schön und glücklich. Dann verstummte sie.

„Was trägst du in der anderen Hand?“, fragte sie.

Der Tag lachte: „Keine Sorge, meine Liebe. Es ist nur die Augenbinde. Falls Anna-Lena trotz der vielen Wunder und Taggeheimnisse die Schönheit des heutigen Tages nicht sehen will, wird sie sie brauchen.“

„Bitte, lass sie hier!“, bat die helle Stimme.

„Mein Liebe, du weißt, das geht nicht. Der Mensch entscheidet selbst, was er erleben will. Einen Tag voller Freuden und Lachen, obwohl das Leben manchmal alles andere als erfreulich ist und viele Herausforderungen bereithält, oder ob der Mensch trotz eines wunderschönen Tages sein Wohlbefinden in Trübsal taucht.

Ich habe alles dabei. Schau nicht so traurig, mein Herz, selbst wenn Anna-Lena heute traurig ist, kenne ich genügend Tricks, um ihr Lächeln immer wieder hervorzuzaubern. Wichtig ist nur, dass sie mir eine Chance gibt!“

Der Tag drehte sich vor dem großen Spiegel. Der goldene Schal blitzte vorwitzig unter dem dunklen Cape hervor. Augenblicklich verwandelte sich das Bild. Lustige kleine Sonnenstrahlen tobten herum und tauchten den Tag und die kleinen dunklen Wolken in ein zauberhaft warmes Licht.

„Ich muss los, mein Herz. Die Nacht geht und der Tag beginnt“, sagte er und winkte zum Abschied. Dann war er verschwunden. Zurück blieb der große kristallene Spiegel mit dem goldenen Rahmen.

Und ich – in meinem Bett – mit dem Wunsch, heute, ja genau heute dem Tag die Chance zu geben, der schönste Tag in meinem Leben zu werden.


Aus der Kurzgeschichtensammlung „Der Zweite Wind“